Pflanzliche Proteine als Antwort auf globale Herausforderungen
Die steigende Weltbevölkerung, zunehmende Urbanisierung und wachsende Einkommen führen global zu einer erhöhten Nachfrage nach Fleisch und tierischen Lebensmitteln. Dies hat weitreichende Folgen für die menschliche Gesundheit sowie für Umwelt und Natur. „Abhilfe schaffen kann hier die Umstellung auf eine Ernährung mit überwiegend pflanzlichen Lebensmitteln. Sie gilt nicht nur als gesünder, sie ist auch deutlich nachhaltiger“, erklärt apl. Prof. Dr. Simone Graeff-Hönninger, Leiterin der Arbeitsgruppe Anbausysteme und Modellierung an der Universität Hohenheim.
Immer mehr Menschen verzichten aus gesundheitlichen, ökologischen und ethischen Gründen auf tierisches Eiweiß und greifen stattdessen zu Produkten aus pflanzlichem Protein. Obwohl der Markt für Fleischersatzprodukte noch relativ klein ist, prognostiziert Florian Pichlmaier, Managing Director der Signature Products GmbH, ein starkes Wachstum. Er schätzt, dass der europäische Marktanteil, der derzeit 40 Prozent des weltweiten Gesamtmarktes ausmacht, im Jahr 2025 etwa 2,4 Milliarden Euro erreichen wird.
Hanf als vielseitige Proteinquelle
Neue pflanzliche Proteinquellen und effiziente Methoden zu ihrer Erschließung sind daher gefragt. Die vielseitig nutzbare Hanfpflanze rückt dabei zunehmend in den Mittelpunkt. Hierbei spielt die berauschende Wirkung keine Rolle, da Nutz- oder Industriehanf praktisch frei von der psychoaktiven Substanz THC ist.
Im Projekt „SchniTzel, Hanftofu, PASTa & Co aus dem Reallabor Hanf - proteINbasierte Lebensmittel aus regiOnalem Hanfanbau“ (TASTINO) erforschen Wissenschaftlerinnen und Signature Products die Nutzung von Hanfsamen als Proteinquelle für die menschliche Ernährung. „Die Samen weisen bis zu 25 Prozent Protein auf, dessen Zusammensetzung der von Eiklar gleicht. Es enthält alle essentiellen Aminosäuren und weist damit eine hohe biologische Wertigkeit auf“, erläutert Dr. Forough Khajehei, Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Anbausysteme und Modellierung. Sie ergänzt: „Es ist zudem leicht verdaulich und hat eine wünschenswerte, zähe, fleischähnliche Textur, die im Mund das Gefühl erzeugt, auf Fleisch zu beißen.“
Forschung und regionale Wertschöpfungsketten
Die Wissenschaftlerinnen der Universität Hohenheim testen auf den Versuchsflächen des Ihinger Hofs bei Renningen rund 20 Hanfsorten. Dabei untersuchen sie ideale Anbaubedingungen, Krankheitsanfälligkeiten und Ertrag. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Inhaltsstoffen der Samen, insbesondere der Proteinzusammensetzung und des Öls, um die Eignung verschiedener Hanfsorten für spezifische Produkte zu bestimmen.
Die Kooperation erfolgt mit einem der führenden Hanfzulieferer in Europa. Dieser erprobt im Rahmen eines Reallabors verschiedene Technologien und Geschäftsmodelle unter realen Bedingungen, um sie zur Marktreife zu bringen. Die Signature Products GmbH organisiert in Zusammenarbeit mit Landwirten, regionalen Verarbeitern, Gastronomie und Lebensmitteleinzelhandel in Baden-Württemberg eine vollständige regionale Wertschöpfungskette. Dies umfasst den gewerbsmäßigen Anbau, die Verarbeitung der Hanfsamen zu Protein, die Lebensmittelentwicklung sowie Abfüllung und Vertrieb.
Das Unternehmen beliefert bereits Großkunden mit Hanfsamen und Hanfproteinen. Viele Produkte, die derzeit aus Soja- oder Erbsenprotein hergestellt werden, könnten zukünftig aus nachhaltig und regional erzeugten Hanfproteinen produziert werden. Da der Preis von Hanfprotein mittlerweile mit dem von Soja vergleichbar ist, sieht Florian Pichlmaier eine vielversprechende Zukunft für die nachhaltige Pflanze.
Ganzheitliche Betrachtung und politische Empfehlungen
Das Projekt zielt darauf ab, regionale Stoffkreisläufe zu schließen und die Nachfrage nach hochwertigen, proteinbasierten, regional erzeugten Lebensmitteln zu bedienen. Ein weiteres Ziel ist die Steigerung der Selbstversorgungsfähigkeit der Bevölkerung in Baden-Württemberg und die Schaffung zukunftsfähiger Arbeitsplätze.
Parallel dazu untersuchen die Forscherinnen die gesellschaftliche und wirtschaftliche Nachhaltigkeit sowie die Akzeptanz der Produkte durch die Verbraucher. Die Ergebnisse dieser Begleitforschung sollen in Empfehlungen für politische Entscheidungsträger münden.
