Biolandbau und die Bioökonomie: Eine Einführung
Der weltweite Bedarf an Lebensmitteln steigt, während Pflanzen zunehmend auch als Ersatz für Industrierohstoffe und Energieträger aus fossilen Quellen dienen sollen. Trotz einer geringeren Flächenproduktivität sollte der Biolandbau weiterhin von der EU gefördert werden. Dies ist ein Ergebnis des Landwirtschaftlichen Hochschultages der Fakultät Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim.
Der Biolandbau spielt eine wichtige Rolle als alternatives Modell zur konventionellen Landwirtschaft und als Vorreiter für nachhaltigen Konsum, so Agrarökonom Prof. Dr. Harald Grethe. Er betonte jedoch, dass sich auch der Biolandbau den Anforderungen der neuen Bioökonomie stellen muss. Die Bioökonomie, ein zentrales Thema in Baden-Württemberg, Deutschland und der EU, umfasst alle Wirtschaftszweige, die auf Pflanzenmaterial (Biomasse) basieren oder basieren könnten. Dazu gehören Ernährung, Futtermittel, Energieträger sowie Rohstoffe für Kleidung, Kosmetika und Industrieanwendungen. Ziel ist es, die Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren und die Bioökonomie nachhaltig zu gestalten. Der Hochschultag in Hohenheim, der sich dem Forschungsschwerpunkt Bioökonomie widmet, kam zu dem Konsens, dass die Bioökonomie der richtige Weg ist. Die Tagung unter dem Titel "Biolandbau unter bioökonomischen Aspekten" beleuchtete die spezifische Rolle des Biolandbaus in dieser Neuausrichtung.
Bioökonomie verschärft Bedingungen für Biolandbau
Prof. Dr. Harald Grethe formulierte die Kernfrage in seinem Abschlussvortrag "Bioökonomie: Chancen und Herausforderungen für den Öko-Landbau":
Können wir uns Biolandbau vor dem Hintergrund knapper Biomasse überhaupt noch leisten? Ja, das können wir, wenn wir auch bereit zu einem nachhaltigeren Konsumverhalten sind.
Die Rahmenbedingungen für den Biolandbau haben sich verschärft. Grethe erklärte, dass Bio zu Zeiten entstand, als die EU unter Überproduktion litt. Dies führte zu einer hohen politischen Bereitschaft, weniger produktive, neue Formen der Landwirtschaft zu fördern. Neue Technologien und höhere Energiepreise bewirken, dass Biomasse heute breiter für Energie und Materialien genutzt wird, was sie weltweit knapper und teurer macht.
Bioökonomie und Biolandbau befruchten sich
Die Bioökonomie bietet auch Chancen für den Biolandbau. Die Diskussion über nachhaltigen Konsum, die mit der Bioökonomie verbunden ist, stellt eine Chance für den Ökolandbau dar. Erfahrungen in der Vermarktung von Ökoprodukten können für die Umsetzung nachhaltiger Konsummuster wertvoll sein. Zudem dient der Biolandbau als wichtiges Vergleichssystem zur konventionellen Landwirtschaft.
Vieles, was wir in der konventionellen Landwirtschaft heute anwenden, ist inspiriert durch den Biolandbau - zum Beispiel integrierter Pflanzenschutz, Zwischenfruchtanbau oder das Denken in Nährstoffkreisläufen. Die Weiterführung verschiedener Produktionssysteme und der Systemwettbewerb in Bezug auf die Ressourceneffizienz sind für die Weiterentwicklung des Agrarsektors essentiell.
Konsumenten haben Schlüsselrolle im Spannungsfeld
Prof. Dr. Grethe betonte die Schlüsselrolle der Konsumenten:
Ob wir uns Biolandbau leisten können, können wir auch durch unseren Konsum steuern. So könnten ein geringerer Fleischkonsum oder die Verringerung von Nahrungsmittelabfällen die geringere Produktivität einer weniger intensiven Landwirtschaft ausgleichen.
Eine Studie der Universität Göttingen in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim, basierend auf der Nationalen Verzehrstudie, zeigte, dass 60 % der Bevölkerung prinzipiell zu einem nachhaltigeren Konsum bereit wären. Wissenschaftler berechneten mit Computermodellen, dass 20 % weniger Fleisch spürbare positive Auswirkungen auf Ressourcenschutz, Klimawandel und Welternährung hätte. Beispielsweise würden die Getreidepreise weltweit um bis zu 3 % sinken, wovon insbesondere ärmere Bevölkerungsschichten in Entwicklungsländern profitieren würden.
Biolandbau bleibt förderungswürdig
Gleichzeitig muss sich der Biolandbau den neuen Herausforderungen stellen. Eine Erhöhung der Flächenproduktivität ist auch im Biolandbau erforderlich. Mit Blick auf die Agrarpolitik und die EU-Förderung schloss Prof. Dr. Grethe:
Ich halte den Biolandbau als einfach zu kontrollierende und vielseitig wirkende Maßnahme weiterhin für förderungswürdig. Er wird jedoch auch weiterhin und insbesondere vor dem Hintergrund einer immer nachhaltiger werdenden konventionellen Landwirtschaft immer aufs Neue nachweisen müssen, warum er diese Förderung verdient.
Hintergrund: Landwirtschaftlicher Hochschultag 2013
Der Landwirtschaftliche Hochschultag 2013 fand am 12. Juni unter dem Motto "Biolandbau unter bioökonomischen Aspekten" statt. Wissenschaftler der Universität Hohenheim und anderer Agrarforschungseinrichtungen sowie Vertreter von Ministerien nahmen teil. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg von Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Ralf Vögele und Dr. Sabine Zikeli, Koordinatorin für Ökologischen Landbau und Verbraucherschutz der Universität Hohenheim, organisiert.
Die Vortragsthemen umfassten Beispiele für die Vorreiterrolle des Biolandbaus, wie Soja-Anbau in Europa, Nachhaltigkeit in Tierhaltung und Tierzucht sowie die Erzeugung nachwachsender Rohstoffe und Bioenergie im Ökologischen Landbau. Weitere Vorträge befassten sich mit Produktionssteigerung durch biologische Schädlingsbekämpfung, dem Mehrwert einer multifunktionalen Landschaft und einer generellen Standortbestimmung von Bioökonomie und Biolandbau. Eröffnet wurde die Tagung von Prof. Dr. Joachim Müller, Pro-Dekan der Fakultät Agrarwissenschaften, Prof. Dr. Stephan Dabbert, Rektor der Universität Hohenheim, und Ministerialdirigent Joachim Hauck vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg.
