Biomasse im Spannungsfeld von Energie und Ernährungssicherung
Die aktuelle Entwicklung im Bereich der Energiepflanzen wirft Fragen hinsichtlich der Ernährungssicherung und des Umweltschutzes auf. Dies war ein zentrales Thema auf der Umwelttagung, die von der Universität Hohenheim und der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg ausgerichtet wurde. Über 130 Fachleute aus Wissenschaft, Politik und Nichtregierungsorganisationen erörterten verschiedene Strategien und Forschungsbedarfe unter dem Motto „Im Spannungsfeld zwischen Energie, Ernährung, Klimaschutz und Biodiversität: Biomasseerzeugung nachhaltig entwickeln“.
In Baden-Württemberg nimmt Biomasse mit einem Anteil von 71,7 % am Endenergiebeitrag aller erneuerbaren Energien (Stand 2010) eine führende Position ein. Neben Wind-, Sonnenenergie und Wasserkraft stellt Biomasse einen vielseitigen Energieträger dar. Allerdings führen die derzeitigen Anbausysteme für Energiepflanzen, insbesondere Mais, zu Nachteilen wie Bodenauslaugung und negativen Auswirkungen auf die Artenvielfalt. Zudem konkurriert der zunehmende Anbau von Energiepflanzen mit der Nahrungsmittelproduktion, besonders in Entwicklungsländern. Die Situation wird dadurch verschärft, dass der Import von Biomasse aus diesen Ländern aufgrund geringerer Umweltstandards und der Übernutzung humaner und ökologischer Ressourcen oft wirtschaftlich vorteilhafter ist als der Biomasseanbau in der EU.
Die Ernährungskrise von 2008, die über eine Milliarde hungernder Menschen betraf, verdeutlichte, dass die Erwartungen an den Agrarrohstoffsektor nicht erfüllt wurden und die rasante Entwicklung negative Konsequenzen hat. Allein im Jahr 2007 wurden fast 100 Millionen Tonnen Getreide, was 5 % der weltweiten Nachfrage entspricht, für Energiezwecke statt für die Lebensmittelversorgung verwendet.
Potenziale der Universität Hohenheim zur Problemlösung
Claus-Peter Hutter, Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg, betonte die hohe Komplexität der Herausforderung. Er hob hervor, dass die Universität Hohenheim eine besondere Möglichkeit biete, Forschungsergebnisse und Erfahrungen im Konfliktfeld der Landnutzung für Ernährungssicherung und Energieversorgung auszutauschen. Eine wichtige Aufgabe sei dabei die Ausrichtung auf eine nachhaltige Produktion und die Vermittlung des notwendigen Wissens.
Es ist gerade diese Herausforderung, der wir uns in besonderem Maße stellen wollen. Dank ihrem besonderen Forschungsprofil sei die Universität Hohenheim bundesweit dafür am besten aufgestellt: Die Schwerpunkte Nachhaltigkeit, Ernährungssicherung, Bioenergie und Klimawandel gehören zu den traditionellen Säulen der Forschung an der Universität Hohenheim. Ausdruck finden sie unter anderem in drei wissenschaftlichen Zentren: dem Tropenzentrum, dem Food Security Center und dem Zentrum für Bioenergie und Nachwachsende Rohstoffe, an denen sich insgesamt rund 70 Professoren engagieren.
Dies bekräftigte auch der Rektor der Universität Hohenheim, Prof. Dr. Hans-Peter Liebig.
Forderungen nach Effizienz, alternativen Pflanzen und Zertifizierung
Biomasse verfügt weiterhin über ein ausbaufähiges Potenzial. Um die Nachhaltigkeit zu steigern, ist es notwendig, die Effizienz der Anlagen zu verbessern, wie im Diskussionspapier der Umwelttagung festgehalten wurde. Die Forschungsbiogasanlage der Universität Hohenheim und das Zentrum für Bioenergie und Nachwachsende Rohstoffe leisten hierbei Pionierarbeit. Hohenheimer Forschungsergebnisse zeigen, dass sowohl die direkte Stromgewinnung aus Biogas in Kraft-Wärme-Kopplungs (KWK)-Anlagen als auch die Aufbereitung von Biogas zu Biomethan zur Reduktion des Treibhauspotenzials beitragen können.
Die Biogaserzeugung in Gülleanlagen bietet den zusätzlichen Vorteil, eine mögliche Eutrophierung oder Versauerung von Boden und Gewässern durch Gülle zu reduzieren. Insbesondere die Biogasproduktion in kleinen Gülleanlagen kann, bei geschlossenen Gärrestlagern, erhebliche Mengen an klimarelevanten Emissionen vermeiden, die bei der konventionellen Gülle-Lagerung in offenen Behältern entstehen. Dies führt zu einem erhöhten Einsparpotenzial im Vergleich zu anderen Anlagen für nachwachsende Rohstoffe.
Ein Ansatz für eine nachhaltige Biomasseproduktion in Baden-Württemberg sind beispielsweise Wildpflanzenmischungen, die die bisher von Mais dominierte Biogasproduktion ergänzen könnten. Solche Mischungen würden Mais-Monokulturen vermeiden und die Artenvielfalt fördern. Um Barriereeffekte für Wildtiere bei großflächigen Monokulturen zu minimieren, sollten Schneisen angelegt werden. Diese bieten neuen Lebensraum für Arten wie die Feldlerche und ermöglichen die Durchgängigkeit für wandernde Säugetiere wie Feldhasen.
Im globalen Handel sind verbindliche Standards und entsprechende Zertifikate für importierte Biokraftstoffe und flüssige Brennstoffe erforderlich. Dies soll das Spannungsfeld zwischen ausreichender Nahrungsmittelproduktion und der steigenden Energienachfrage entschärfen, so eine weitere Forderung der Wissenschaftler und Praktiker der Tagung.