Modernisierung der Ertragstafeln für den Wald
Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) und die Universität Göttingen haben ein Verbundvorhaben zur Modernisierung von Ertragstafeln gestartet. Ziel ist es, diese etablierten, aber größtenteils veralteten Instrumente an aktuelle und zukünftige waldbauliche Gegebenheiten anzupassen, ohne ihre Praktikabilität zu beeinträchtigen. Die Anpassung an veränderte Wachstumsbedingungen und Waldbaukonzepte erfolgt unter anderem mithilfe von Einzelbaumwachstumssimulatoren. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) gefördert.
Die heute in der Forstwirtschaft, vor allem in der Forsteinrichtung genutzten Ertragstafeln sind nicht mehr in der Lage, ihren Aufgaben nachzukommen: Sie können den aktuellen Zustand des Waldes, den Wachstumsgang der Baumarten oder die forstwirtschaftliche Entwicklung nicht mehr wiedergeben.
So beschreibt Projektleiter Professor Hermann Spellmann von der NW-FVA die Ausgangslage. Um diesen Mangel zu beheben, entwickeln die NW-FVA und die Universität Göttingen eine neue Generation von Ertragstafeln. Diese sollen im Gegensatz zu ihren Vorgängern nicht nur Aussagen zu einzelnen Baumarten in Reinbeständen liefern, sondern auch die spezifische Wuchsdynamik von Mischbeständen der wichtigsten Waldentwicklungstypen abbilden. Dabei werden der aktuelle Waldzustand und moderne Waldbaukonzepte berücksichtigt. Eine zentrale Herausforderung ist es, trotz dieser Komplexität eine einfach handhabbare Planungshilfe zu schaffen.
Datenbasis und Anwenderfreundlichkeit
Die Daten für die neuen Ertragstafeln werden durch Einzelbaumwachstumssimulatoren generiert, die teilweise bereits in der forstlichen Praxis zur Bewirtschaftungsplanung von Rein- und Mischbeständen eingesetzt werden. Dabei wird die Waldentwicklung einer Vielzahl von Modellbeständen mithilfe eines Einzelbaumwachstumssimulators fortgeschrieben. Die Einzelbauminformationen werden anschließend zu Bestandeskennwerten aggregiert und in die Form einer traditionellen Ertragstafel überführt.
Einzelbaumsimulatoren ermöglichen grundsätzlich die Simulation aller denkbaren waldbaulichen Maßnahmen für Forschungszwecke und bieten eine detaillierte Planungsgrundlage. Ihre Komplexität schränkt jedoch oft den Einsatz in der forstlichen Praxis ein. Ertragstafeln bleiben insbesondere für den Privatwald ein bevorzugtes Instrument für die Forstplanung und Waldwertschätzung. Die im Projekt entstehenden Tafeln sollen hinsichtlich Informationsgehalt und Anwenderfreundlichkeit eine Zwischenstellung zwischen den komplexen Einzelbaummodellen und den herkömmlichen Ertragstafeln einnehmen.
Um die Anwenderfreundlichkeit während des Entwicklungsprozesses zu gewährleisten, findet ein enger Austausch mit Praktikern aus dem Landes-, Kommunal- und Privatwald statt. Mit ihnen wird das Anforderungsprofil an die Ertragstafeln festgelegt. Sie testen die neuen, modellbasierten Hilfsmittel auf ihre Handhabbarkeit und stellen die Übertragung der Ergebnisse in die Praxis sicher. Die Tafeln werden nach Projektende im Herbst 2020 kostenfrei als Download zur Verfügung stehen. Zunächst werden Ertragstafeln für den nordwestdeutschen Raum entwickelt.
Zukünftige Entwicklungen
Die entwickelte Methodik ermöglicht eine Übertragung auf das gesamte Bundesgebiet. Zudem schafft sie die Grundlage für regelmäßige Neuparametrisierungen der Ertragstafeln, die etwa alle 20 Jahre stattfinden sollen. Weitere Informationen zum Verbundvorhaben sind in der Projektdatenbank der FNR unter den Förderkennzeichen 22027816 und 22027916 verfügbar. Informationen zu Fördermöglichkeiten im Rahmen des Förderschwerpunkts „Stärkung der nachhaltigen Forstwirtschaft zur Sicherung der Waldfunktionen“ im Förderprogramm Nachwachsende Rohstoffe sind ebenfalls erhältlich.
Hintergrund zu Ertragstafeln
Ertragstafeln sind Tabellenwerke, die in der forstlichen Praxis zur Bestimmung der Bestandesentwicklung dienen. Sie geben Aufschluss über Parameter wie Höhe, Durchmesser oder Zuwachs in verschiedenen Lebensphasen und unter unterschiedlichen waldbaulichen Behandlungen. Damit helfen sie, den durchschnittlichen Bestandeswert zu ermitteln. Die heute häufig genutzten Ertragstafeln stammen jedoch aus den 1970er Jahren. Sie sind primär auf Reinbestände ausgelegt, basieren teilweise auf überholten Waldbaukonzepten und berücksichtigen die veränderten Wuchsbedingungen nicht.

