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Lebensbedingungen in Stadt und Land: Eine Analyse der Pandemie-Auswirkungen

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat die Lebensbedingungen in deutschen Städten und Regionen im Kontext der COVID-19-Pandemie untersucht. Die Analyse zeigt, dass die Pandemie einige Lebensbereiche stark beeinflusste, während sie in anderen bestehende Entwicklungen lediglich verstärkte oder nur kurzfristige Effekte hatte.

BBSR-Analyse zu COVID-19-Effekten auf Stadt- und Regionalentwicklung

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat in einer aktuellen Veröffentlichung die Lebensbedingungen in deutschen Städten, Landkreisen und Regionen im Kontext der COVID-19-Pandemie untersucht. Die Analyse basiert auf umfangreichen Statistiken der Jahre 2020 und 2021, die in einem Atlas aus Karten und Grafiken aufbereitet wurden.

Die Forschenden stellten fest, dass die Pandemie einige Bereiche des Lebens deutlich beeinflusste, während sie in anderen lediglich bestehende Entwicklungen verstärkte oder nur kurzfristige Effekte zeigte.

Regionale Unterschiede im Pandemiegeschehen

Die Siedlungsdichte einer Region hatte in den Jahren 2020 und 2021 keinen direkten Einfluss auf die einwohnergewichteten COVID-19-Fallzahlen. Hohe Fallzahlen traten sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten auf. Das Infektionsgeschehen entwickelte sich jedoch unterschiedlich dynamisch: In städtischen Räumen stiegen die einwohnerbezogenen Fallzahlen zu Beginn der Wellen stärker an und sanken langsamer als in ländlichen Regionen.

Wohnungsmarkt und soziale Ungleichheit

Der Wohnimmobilienmarkt erwies sich während der Pandemie als robust, wobei Mieten und Preise langfristigen Trends folgten. Die Kaufpreise für Ein- und Zweifamilienhäuser stiegen in den sieben größten deutschen Städten zwischen 2016 und 2021 um 78 Prozent. Hohe Preise und Mieten in den Städten führten dazu, dass sich immer mehr Menschen, insbesondere Familien, ins Umland orientierten. Dies machte die Landkreise im Umland kreisfreier Großstädte zu Hotspots der Bautätigkeit, gemessen an Baugenehmigungen und Baufertigstellungen pro Kopf.

Die Pandemie lenkte zudem den Fokus auf soziale Unterschiede. Eine BBSR-Sonderauswertung für 50 Großstädte zeigte erhebliche innerstädtische Disparitäten beim Bezug von Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV). Stadtteile mit einem sehr geringen Anteil an SGB-II-Empfängern standen solchen gegenüber, in denen bis zu 70 Prozent der Bevölkerung diese Leistungen erhielten. Im Jahr 2020 lebte durchschnittlich jedes fünfte Kind in einer Bedarfsgemeinschaft.

Arbeitsmarkt und Homeoffice-Potenziale

Das Instrument der Kurzarbeit trug 2020 maßgeblich dazu bei, krisenbedingte Entlassungen zu vermeiden. Die regionale Wirtschaftsstruktur bestimmte die Ausprägung der konjunkturellen Kurzarbeit, wobei kaum Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Räumen festzustellen waren. Kreise mit einem starken verarbeitenden Gewerbe, etwa in Bayern und Baden-Württemberg, wiesen mit einer mittleren Kurzarbeiterquote von mindestens 10 Prozent deutlich höhere Werte auf als beispielsweise ostdeutsche Regionen. Auch in stark vom Tourismus und Gastgewerbe abhängigen Regionen, wie an Nord- und Ostsee, lagen die Anteile an Kurzarbeit überdurchschnittlich hoch.

Das Arbeiten im Homeoffice wurde in Pandemiezeiten zum Alltag. Das Potenzial für Homeoffice hängt von der Branchenstruktur einer Region ab. Besonders hoch ist es in Branchen wie Telekommunikation und IT, Banken, Versicherungen oder in der Verwaltung. Entsprechend liegen die größten Potenziale in Ballungsräumen, wo laut BBSR-Berechnungen mindestens ein Drittel der Tätigkeiten von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Homeoffice erledigt werden kann.

Verkehr und digitale Infrastruktur

Die Zahl der Kraftfahrzeuge stieg auch während der Pandemie weiter an und erreichte 2021 59 Millionen, davon knapp 48,3 Millionen Personenkraftwagen. Zum Stichtag 1. Oktober 2021 waren über eine Million Pkw mit Elektroantrieben zugelassen, die inzwischen über 25 Prozent der Neuzulassungen ausmachen. Regional zeigen sich hier deutliche Unterschiede: In Nordrhein-Westfalen waren 2021 nahezu doppelt so viele Elektrofahrzeuge zugelassen wie in den ostdeutschen Ländern inklusive Berlin. Neben den Standorten von Autoherstellern weisen vor allem die großen Ballungsräume in den alten Bundesländern einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Elektrofahrzeugen auf.

Eine gute digitale Infrastruktur ist nicht nur für das Homeoffice essenziell. Im Jahr 2021 waren in 20 Prozent aller Städte und Gemeinden mindestens 75 Prozent der Haushalte an Breitband mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 1.000 Megabit pro Sekunde angeschlossen. Trotz der vorangehenden Erschließung in allen Landesteilen bleibt die Kluft zwischen großen und kleinen Gemeinden sowie zwischen zentral und peripher gelegenen Kommunen bestehen, auch bei niedrigeren Bandbreiten von 100 und 50 Megabit pro Sekunde.

Bildung und Onlinehandel

Die Corona-Pandemie hat Ungleichheiten in der schulischen Bildung verdeutlicht. Seit Jahren verlassen zwischen 8 und 10 Prozent der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs die Schule ohne Hauptschulabschluss. Im Jahr 2020 lag dieser Wert in einigen Landkreisen bei über 10 Prozent, in anderen bei unter 2,5 Prozent.

Der Onlinehandel verzeichnete im ersten Pandemiejahr einen kräftigen Zuwachs. Bundesweit gaben die Menschen 2020 durchschnittlich 813 Euro für Online-Einkäufe aus. Im Vergleich der kreisfreien Städte und Landkreise bewegte sich die Online-Einzelhandelskaufkraft zwischen mindestens 652 Euro und maximal 1.060 Euro pro Einwohner. Besonders hoch war die Online-Einzelhandelskaufkraft in wirtschaftlich starken Großstädten und deren Umland, während sie in strukturschwachen Städten und Landkreisen vergleichsweise niedrig lag.

Der vorliegende Atlas ergänzt den interaktiven Deutschlandatlas des Bundes, der Standort- und Lebensbedingungen in Deutschland vergleichend darstellt. Die Veröffentlichung „Atlas der Stadt- und Regionalentwicklung unter besonderer Berücksichtigung der räumlichen Auswirkungen von COVID-19“ ist online abrufbar. Eine Printversion ist ab Februar 2023 kostenfrei beim BBSR erhältlich.

04.01.2023

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