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Deutschland 2022: Ein Jahr im Spiegel der Statistik

Das Jahr 2022 war geprägt von wirtschaftlichen Herausforderungen, gesellschaftlichen Veränderungen und geopolitischen Ereignissen. Das Statistische Bundesamt (Destatis) dokumentierte diese Entwicklungen in zahlreichen Veröffentlichungen, deren wichtigste Erkenntnisse hier zusammengefasst werden.

Wirtschaftliche Entwicklung und Inflation in Deutschland

Zu Beginn des Jahres 2022 hoffte die deutsche Wirtschaft auf einen kräftigen Wachstumsschub, um die Folgen der Corona-Krise zu überwinden. Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) war 2021 um 2,6 % gestiegen, lag aber noch unter dem Vorkrisenniveau des vierten Quartals 2019. Der russische Angriff auf die Ukraine nur einen Monat nach der Vorstellung der ersten BIP-Ergebnisse für 2021 veränderte die wirtschaftliche Lage grundlegend. Obwohl sich die deutsche Wirtschaft in diesem schwierigen Umfeld behauptete und das BIP im dritten Quartal 2022 erstmals wieder das Vorkrisenniveau erreichte, blieb der erhoffte Wachstumsschub aus. Die endgültigen Zahlen für das BIP 2022 werden im Januar 2023 erwartet.

Die Energiepreiskrise und der Krieg in der Ukraine führten zu einer historisch hohen Inflation. Bereits im April überschritt die Inflationsrate im zweiten Monat in Folge die 7-Prozent-Marke, getrieben von stark steigenden Preisen für Energieprodukte und zunehmend auch für Nahrungsmittel. Eine ähnlich hohe Inflationsrate wurde zuletzt im Herbst 1981 verzeichnet. Im Oktober erreichte die Inflationsrate mit 10,4 % einen neuen Rekordwert. Diese Entwicklung führte zu erheblichen Reallohnverlusten: Im dritten Quartal 2022 mussten Beschäftigte einen Reallohnrückgang von 5,7 % gegenüber dem Vorjahresquartal hinnehmen, den stärksten seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2008.

Die Preissteigerungen bei Kraftstoffen waren nach Kriegsbeginn höher als während der beiden Ölkrisen 1973/1974 und 1979/1980 sowie der Finanzmarktkrise 2008/2009. Im März 2022 kostete ein Liter Diesel im Tagesdurchschnitt 2,16 Euro, was einem Anstieg von 50 Cent innerhalb eines Monats entsprach. Die Sorge um Versorgungsengpässe führte zudem zu Vorratskäufen von Speiseöl und Mehl, deren Absatz sich zeitweise verdoppelte oder verdreifachte.

Bevölkerung und Migration in Deutschland 2022

Der Krieg in der Ukraine löste die größte Fluchtwanderung nach Deutschland seit 2015 aus. Allein in den ersten beiden Monaten nach Kriegsbeginn nahm Deutschland knapp 630.000 Menschen aus der Ukraine auf, bis Ende August waren es über 950.000 Geflüchtete, mehrheitlich Frauen und Kinder. Diese Zuwanderung trug maßgeblich dazu bei, dass die Bevölkerungszahl in Deutschland erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik über 84 Millionen Menschen erreichte.

Im Mai starteten die Erhebungen für den Zensus 2022. Dabei wurden deutschlandweit 5.400 dezentrale Melderegister ausgewertet und etwa 30 Millionen Menschen befragt, um umfassende statistische Erkenntnisse über rund 41 Millionen Haushalte, 20 Millionen Gebäude und 40 Millionen Wohnungen zu gewinnen. Die Ergebnisse des Zensus, die Ende 2023 veröffentlicht werden, sollen eine wichtige Faktenbasis für politische Entscheidungen in Deutschland bilden.

Ein Blick in die Zukunft der Bevölkerungsentwicklung bis 2070 zeigt, dass die Zahl der Menschen im Rentenalter (ab 67 Jahren) bis Mitte der 2030er Jahre um etwa 4 Millionen auf mindestens 20 Millionen steigen wird. In den 2040er Jahren wird die Zahl der über 80-Jährigen und damit voraussichtlich auch der Pflegebedarf massiv zunehmen. Gleichzeitig wird die Zahl der Menschen im Erwerbsalter in den kommenden 15 Jahren um bis zu 4,8 Millionen sinken. Die Bevölkerungszahl Deutschlands im Jahr 2070 hängt maßgeblich von der Nettozuwanderung ab und könnte zwischen etwa 75 Millionen (bei niedriger Zuwanderung) und 90 Millionen (bei hohem Wanderungssaldo) liegen.

Verkehr und Tourismus im Wandel

Das im Juni eingeführte 9-Euro-Ticket, Teil des zweiten Entlastungspakets, führte zu einem deutlichen Anstieg der Fahrgastzahlen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Im zweiten Quartal 2022 stieg die Zahl der ÖPNV-Fahrgäste um 39 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im dritten Quartal, in dem das Ticket im Juli und August galt, waren in Nahverkehrszügen noch einmal 11 % mehr Fahrgäste unterwegs als im Vorquartal. Eine Sonderauswertung von Mobilfunkdaten zeigte zudem einen deutlichen Anstieg der Bahnreisen auf längeren Distanzen (ab 30 Kilometern) während des Gültigkeitszeitraums des Tickets, der nach dessen Ende abrupt abfiel. Die Zahl der Reisen im Straßenverkehr auf diesen Distanzen blieb hingegen konstant.

Der Inlandstourismus erholte sich im August 2022 und erreichte erstmals wieder das Vorkrisenniveau von 2019. Mit 58,2 Millionen Gästeübernachtungen verzeichneten die tourismusrelevanten Unterkünfte 0,6 % mehr Aufenthalte als im August 2019. Besonders hervorzuheben ist die Entwicklung auf Campingplätzen, die im August 2022 mit 9,3 Millionen Übernachtungen ein Plus von 14,7 % gegenüber August 2019 verzeichneten. Der Trend zum Camping wurde durch die Corona-Situation offenbar verstärkt. Die deutschen Hauptverkehrsflughäfen zählten im Sommer 2022 zwar mehr als doppelt so viele Fluggäste ins Ausland wie im pandemiegeprägten Sommer 2021, aber immer noch knapp ein Viertel weniger als im Vorkrisensommer 2019.

Energie und Einzelhandel: Herausforderungen und Trends

Im dritten Quartal 2022 stieg die Stromerzeugung aus Photovoltaik um gut 20 % gegenüber dem Vorjahresquartal, bedingt durch eine hohe Zahl an Sonnenstunden und neue Anlagen. Solarmodule erzeugten damit knapp ein Sechstel des in Deutschland ins Netz eingespeisten Stroms. Die Zahl der Photovoltaikanlagen und die installierte Nennleistung stiegen binnen Jahresfrist um rund 10 %. Trotzdem wurde der Großteil des Stroms auch im sonnenreichen Sommerquartal aus Kohle gewonnen, die über ein Drittel der Stromerzeugung ausmachte. Auch die Stromerzeugung aus Erdgas stieg trotz hoher Gaspreise an, um den Wegfall dreier Kernkraftwerke zum Jahresende 2021 zu kompensieren.

Im November rückte die Sorge um die Heizkosten in den Vordergrund. Einer Vorabauswertung zufolge heizten 71 % der privaten Haushalte in Deutschland im ersten Halbjahr 2022 mit fossilen Energieträgern, wobei Gasheizungen mit 51 % am weitesten verbreitet waren, gefolgt von Ölheizungen mit 20 %. Die Bundesregierung plant Maßnahmen wie die Dezember-Soforthilfe und die Strom- und Gaspreisbremse, um die erwarteten Mehrkosten abzufedern. Bereits 2021 konnten rund 2,6 Millionen Menschen in Deutschland ihr Zuhause aus finanziellen Gründen nicht angemessen heizen.

Der stationäre Einzelhandel verzeichnete im Jahr 2022 weiterhin deutlich weniger Kundschaft und Umsatz als vor der Corona-Pandemie. Von Januar bis September 2022 lagen die preisbereinigten Umsätze der stationären Bekleidungsgeschäfte 11,0 % unter dem Niveau von 2019. Bei Buchläden betrug das Minus 21,0 %, bei Spielwarenläden 17,5 % und bei Elektronikgeschäften 7,4 %. Obwohl der gesamte stationäre Einzelhandel im gleichen Zeitraum eine leichte Umsatzsteigerung von 3,0 % verzeichnen konnte, fiel dieses Plus im Vergleich zum Online- und Versandhandel gering aus, wo die Umsätze um 31,2 % stiegen.

28.12.2022

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