Stabilität trotz globaler Unsicherheiten
Trotz wirtschaftlicher und politischer Unsicherheiten wie dem Brexit, dem Russlandembargo und Terrorereignissen zeigt sich der Gartenbau weitgehend stabil und optimistisch. Die Blumen- und Pflanzenwelt entwickelt sich weiter, wenn auch nicht immer auf herkömmlichen Wegen.
Die weltweite Nachfrage nach Blumen und Pflanzen konzentriert sich weiterhin auf Europa, China, Japan und die USA. Die Niederlande behaupten ihre Position als führende Drehscheibe für den Handel innerhalb der EU und sind für fast 70 Prozent der Exporttätigkeiten verantwortlich. Aktuelle Zahlen von EUROSTAT belegen einen anhaltenden Trend steigender Importe von Blumen und Pflanzen in die EU, sowohl mengen- als auch wertmäßig. Im Jahr 2015 wurden insgesamt 504.952 Tonnen (+ 8,2 %) im Wert von 1,68 Milliarden Euro (+ 5,3 %) in die EU importiert.
Schnittblumen sind maßgeblich für dieses Importwachstum verantwortlich und machen 78 % der Gesamtimporte in die EU aus. Ihr wertmäßiges Wachstum von 5,3 Prozent entspricht dem Gesamtwachstum. Die Tatsache, dass die Importmengen prozentual stärker steigen als die Importwerte, deutet darauf hin, dass der Trend zu höherwertigen Produkten nicht mehr anhält. Die langfristige Verschiebung bei den Bezugsländern setzt sich jedoch fort.
Kenia bleibt mit etwa 27 Prozent der Importe das führende Bezugsland der EU, gefolgt von Äthiopien, Ecuador und Kolumbien. Diese klassischen Schnittblumenproduzenten bauen ihre Marktposition als Exporteure für die EU weiter aus. Exportländer wie Israel, die USA und Costa Rica verzeichnen hingegen einen rückläufigen Trend.
Exportwerte der EU steigen – Exportmengen nicht
Laut EUROSTAT wurden 2015 Blumen und Pflanzen im Umfang von 664.000 Tonnen und einem Wert von 1,98 Milliarden Euro aus der EU exportiert. Dies entspricht einem mengenmäßigen Rückgang von 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der seit zehn Jahren tendenziell steigende Export der EU ist damit seit 2013 zum zweiten Mal in Folge rückläufig. Gleichzeitig ist ein Wertzuwachs von 5,1 Prozent festzustellen, der alle Sortimente bei Blumen und Pflanzen betrifft. Sinkende Exportmengen bei steigenden Exportwerten bedeuten, dass zunehmend höherwertige Produkte durch die EU-Mitgliedstaaten exportiert werden.
Handelsüberschuss bleibt bestehen
Trotz gestiegener Schnittblumenimporte und einer damit einhergehenden Ausweitung der negativen Handelsbilanz im Segment Schnittblumen und Schnittgrün (2015: ca. -620 Mio. €; 2014: ca. -500 Mio. €) weist die EU-Handelsbilanz insgesamt einen positiven Überschuss von etwa 300 Millionen Euro auf. Dieser Handelsüberschuss besteht seit 2002 und ist hauptsächlich auf den Export von Blumenzwiebeln und Knollen aus der EU zurückzuführen.
Zielmärkte der EU-Exporte mit leichten Veränderungen
Die Zielmärkte der EU-Exporte zeigen auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit der Vergangenheit. Russland und die Schweiz bleiben die stärksten Nachfrageländer für europäische Blumen und Zierpflanzen. Im Jahr 2015 exportierte die EU jeweils 20,5 Prozent des Exportwertes nach Russland (2014: 21,3 %) und in die Schweiz (2014: 20,7 %), gefolgt von den USA (11,2 %), Norwegen (8,2 %) und China (5,9 %). Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass Exportrückgänge nach Russland durch Wachstum in anderen Zielmärkten kompensiert werden, was auf eine Stärkung der etablierten Exportmärkte der EU-Mitgliedstaaten hindeutet.
Exportierende EU-Länder bemühen sich verstärkt, in bisher vernachlässigten Ländern Fuß zu fassen. Länder wie die Türkei, die Ukraine, die Vereinigten Arabischen Emirate und Japan werden zunehmend umworben. Während Deutschland seine Partnerschaft mit der Türkei im Agrarbereich fortsetzen will, bekräftigen niederländische Unternehmen ihr Interesse an einer engeren Zusammenarbeit mit der Ukraine. Mit Ausnahme der Ukraine sind leichte Steigerungen von bis zu einem Prozent bei allen Zielmärkten der EU-Exporte festzustellen, wodurch das Ranking der Zielmärkte im Absatzwert konstant bleibt.
Zwei Gesprächsthemen dominieren 2016
Steigende Importe und Exporte von Blumen und Pflanzen in der EU deuten auf einen stabilen bis steigenden Handel in der Branche hin. Insbesondere die Niederlande und Deutschland verzeichnen Rekord-Exportwerte. Trotz dieser positiven Entwicklung, wie dem Rekord-Exportwert der Niederlande von 5,6 Milliarden Euro im Jahr 2015, herrscht 2016 eine Verunsicherung am europäischen Markt, wobei der Brexit und Russland die zentralen Themen sind.
Brexit – Auswirkungen auf den Handel
Die Entscheidung Großbritanniens zum Austritt aus der Europäischen Union im Sommer 2016 führte zu Unsicherheiten im europäischen und weltweiten Handel mit Blumen und Pflanzen. Großbritannien importierte bis 2016 jährlich Blumen und Pflanzen im Wert von etwa einer Milliarde Euro von EU-Lieferanten und -Händlern und war seit 2011 der zweitgrößte Importmarkt für Zierpflanzen innerhalb der EU. Für Lieferanten und Händler aus den Niederlanden, Deutschland, Italien, Dänemark und Belgien waren die Briten ein wichtiger Handelspartner.
Die Handelsbeziehung zwischen Großbritannien und den Niederlanden ist eng: 2015 exportierten die Niederlande 17 Prozent ihrer gesamten Zierpflanzenexporte (ca. 925 Mio. €) nach Großbritannien. Dies entspricht 80 Prozent aller importierten Schnittblumen und 70 Prozent aller importierten Pflanzen der Briten. Großbritannien trug auch maßgeblich zum leichten Umsatzwachstum von 0,5 Prozent bei Verkäufen von Blumen und Pflanzen in der EU im Jahr 2015 bei, das insgesamt 32,4 Milliarden Euro erreichte.
Die Handelspartner, insbesondere aus den Niederlanden, sind angesichts der noch unklaren Auswirkungen des Brexits nervös. Diese Nervosität ist berechtigt, obwohl sich das Kaufverhalten der Briten laut Royal FloraHolland bisher nicht verändert hat. Nach einem kurzzeitigen Rückgang der Verkaufsmengen um etwa fünf Prozent direkt nach dem Referendum im Juni 2016, entsprechen die Verkäufe hinsichtlich Pflanzenarten und -mengen aktuell dem Vorjahr.
Britische Händler halten die Verbraucherpreise für Blumen und Pflanzen trotz der Abwertung des britischen Pfunds (was den Einkauf verteuert) auf dem Vorjahresniveau. Die Verkaufspreise werden somit auf Kosten der Gewinnmargen der britischen Blumenhändler kompensiert. Dieses Verkaufsverhalten verhindert zwar Umsatzrückgänge und führt zu konstanten Absatzzahlen, könnte aber langfristig die Attraktivität des Handels mit Blumen und Pflanzen für britische Händler mindern.
Sollten zusätzliche Zölle und längere Durchlaufzeiten hinzukommen, könnte die bisherige EU-Importware für britische Händler zunehmend unattraktiv werden. Drei Szenarien sind denkbar:
- Weitergabe der teureren Einkaufspreise an den Endverbraucher: Händler könnten die Endverkaufspreise entsprechend der Wechselkursverluste erhöhen. Dies birgt das Risiko einer sinkenden Nachfrage. Insbesondere der Facheinzelhandel wird langfristig um Preiserhöhungen nicht herumkommen, um weiterhin EU-Importware anbieten zu können.
- Ausbau der Handelsbeziehungen und Direktimporte zu Lieferanten aus Drittländern: Große Handelsunternehmen oder Einkaufsverbünde könnten Direktimporte aus Produktionsländern in Afrika und Mittelamerika aufbauen und ihre Warenströme umleiten, um den Weg über die Niederlande zu vermeiden. Hierbei wird die zukünftige Zollanwendung eine Rolle spielen.
- Ausbau der inländischen Produktion: Britische Erzeuger könnten ihre Produktion ausweiten. Aufgrund der Energie- und Kostensituation ist ein umfassender inländischer Ausbau eher unrealistisch, im kleinen Maße jedoch denkbar.
Es wird befürchtet, dass der Handel mit Blumen und Pflanzen innerhalb der EU aufgrund des Brexits langfristig unter Druck geraten wird. Experten gehen davon aus, dass die großen Auswirkungen des Brexits erst in zwei Jahren spürbar werden. Insbesondere die Einkaufszentralen großer Supermarktketten wie Tesco, Asda, Aldi und Lidl, die bereits über 54 Prozent Marktanteil bei Schnittblumen und 32 Prozent bei Zimmerpflanzen in Großbritannien halten, werden nach Einkaufsalternativen und Dienstleistern außerhalb der EU suchen, was zu einer Veränderung der Warenströme beitragen wird.
Der Trend zu Direktimporten im Systemhandel ist europaweit zu beobachten und wird sich in Großbritannien durch den Brexit noch beschleunigen. Länder wie Kenia, Kolumbien, Südafrika, die Türkei, Israel und Marokko werden dabei stärker in den Fokus britischer Einkäufer rücken. Trotzdem herrscht auch in diesen Ländern Unsicherheit. Der kenianische Blumenverband befürchtet beispielsweise, dass der Marktzugang zur EU und zu Großbritannien hinsichtlich Zöllen und Warenströmen komplizierter werden könnte.
Diese Verunsicherung ist vor dem Hintergrund verständlich, dass Kenia in der Gemeinschaft der „East African Community“ im Sommer 2016 kurz vor dem Durchbruch bei der Umsetzung wesentlicher Handelserleichterungen mit der EU stand.
Neue Absatzmärkte im Blickfeld
Insbesondere niederländische Blumengroßhändler suchen seit dem Brexit intensiv nach neuen Absatzmärkten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU, beispielsweise in den USA oder China. China gilt laut Royal FloraHolland als vielversprechender Wachstumsmarkt für den Export von Blumen und Pflanzen, trotz der wirtschaftlich angespannten Situation. Experten schätzen, dass sich der Pro-Kopf-Verbrauch der Chinesen aufgrund des gesellschaftlichen Wandels (15 Millionen Chinesen steigen aus der Armut in die Mittelschicht auf) ähnlich wie in Mexiko, Brasilien oder Argentinien deutlich verändern wird. Dies könnte das Marktpotenzial für Blumen und Pflanzen in China auf Verbraucherebene von aktuell 5,5 Milliarden Euro auf 16,5 Milliarden Euro verdreifachen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Exportziele der Royal FloraHolland, ihren Exportwert von aktuell zehn auf 200 Millionen Euro bis 2020 zu steigern, realistisch. Es bleibt abzuwarten, inwieweit andere EU-Staaten von diesem Aufschwung und einer Auslobung „Made in the EU“ profitieren werden.
Russland – und sein Embargo
Die Bedeutung, neue, verlässliche Absatzgebiete für Blumen und Pflanzen zu finden, zeigt sich auch am Marktpartner Russland. Als wichtiger Zielmarkt für EU-Exporte verliert Russland aufgrund des Agrarimportembargos für westlich orientierte Staaten (EU-Mitgliedsländer, USA, Kanada, Australien, Norwegen) weiter an Bedeutung. Als Antwort auf die EU-Sanktionen bleibt der russische Markt bis Ende 2017 für einen Großteil europäischer Agrarprodukte und Lebensmittel zum „Schutz der nationalen Interessen der Russischen Föderation“ verschlossen. Diese Situation wird sich durch die politische Lage in Syrien verschärfen.
Der dramatische Rückgang wird erneut an den Niederlanden deutlich, die als führende Drehscheibe für den Export von Blumen und Pflanzen innerhalb und außerhalb der EU gelten. Im Jahr 2015 stammten 44 Prozent der in Russland verkauften Schnittblumen aus den Niederlanden (Ecuador: 36 % / Kolumbien: 13 %). Der Exportanteil der Niederlande nach Russland hat sich in den letzten drei Jahren mehr als halbiert. War Russland 2014 noch auf dem vierten Platz der Top-10-Exportländer der Niederlande, so tauchte Russland im September 2016 nicht mehr in dieser Liste auf.
Bereits im Frühjahr 2016 fiel der Exportanteil Russlands unter die Drei-Prozent-Grenze auf etwa 44,5 Millionen Euro (zum Vergleich: Exportanteil Deutschland: 30 %). Gleichzeitig verzeichnete Polen ein Exportwachstum für die Niederlande von 13 Prozent auf 55 Millionen Euro. Wie sich jedoch auf den Märkten für Obst und Gemüse zeigt, werden die Schlupflöcher für Waren aus der EU nach Russland enger.
Anhaltende Veränderungen
Während viele Händler und Experten zu Beginn der Russlandkrise zuversichtlich waren, dass die Exporttätigkeiten der EU nach Russland nur kurzfristig eingeschränkt würden, deuten immer mehr Indizien darauf hin, dass die Effekte und Veränderungen durch das Russland-Embargo langfristiger sein werden. Russland festigt laut Experten aktuell seine Handelsbeziehungen außerhalb der EU und baut seine Eigenproduktion aus. Es ist unwahrscheinlich, dass diese einmal installierten und funktionierenden Maßnahmen zu einem späteren Zeitpunkt zugunsten der EU-Exporte wieder aufgelöst werden.
Indien und Vietnam, aber auch Japan, zeigen aktuell großes Interesse am fünftgrößten Blumen- und Pflanzenimporteur der Welt, Russland. Sie inspizieren den Markt und studieren die Bedürfnisse der russischen Konsumenten und Händler genau. Vietnam hat beispielsweise Direktflüge für Schnittblumen in zehn russische Städte eingerichtet, um sich als Ganzjahresproduzent frischer Blumen und Pflanzen zu positionieren, insbesondere in die Metropole Moskau und ihr Umland. Laut Experten werden allein in der Region Moskau und ihrem Umland über 40 Prozent der in Russland gekauften Schnittblumen nachgefragt.
Diese Marktkonzentration erleichtert die Erschließung. Vietnam etabliert sich somit als feste Größe im internationalen Handel Russlands. Neben dem Aufbau neuer Bezugsquellen außerhalb der EU setzt Russland vermehrt auf den Ausbau seines Selbstversorgungsgrades. Es ist bekannt, dass in Russland zunehmend in Hightech-Gewächshäuser investiert wird (Stand 2015: ca. 168 ha). Experten schätzen, dass die russische Produktion von Schnittblumen in den letzten vier Jahren mindestens um das Zweieinhalbfache gestiegen ist.
Demnach würden aktuell etwa 15 Prozent des inländischen Marktanteils durch Schnittblumenproduktion aus russischer Produktion bedient. Dieses beeindruckende Wachstum zeigt gleichzeitig den immer noch hohen Importbedarf Russlands. Dieser Importbedarf wird auch weiterhin bestehen und gegebenenfalls sogar trotz der Bemühungen zur Erhöhung des Selbstversorgungsgrades weiter zunehmen. Blumen haben in Russland einen sehr hohen Stellenwert bei Festlichkeiten, und neuerdings entdecken die Russen Blumen auch als Eigenbedarf.
Ähnlich wie bei China stellt sich auch hier die Frage, wann und wie die EU an diesem Trend partizipieren darf. In der Branche hofft man, dass die Russlandkrise spätestens in zehn Jahren überwunden sein sollte und wieder ein uneingeschränkter Handel zwischen Russland und der EU erfolgen wird. Sich darauf zu verlassen, ist nicht ratsam. Russland hat sich in der Vergangenheit, auch vor dem Embargo, nicht immer als verlässlicher Handelsmarkt erwiesen.
Förderliche Rahmenbedingungen in Deutschland
Ungeachtet der Marktturbulenzen (Brexit / anhaltendes Russlandembargo) stellt sich der deutsche Blumen- und Zierpflanzenmarkt 2016 nach ersten Erkenntnissen stabil bis positiv dar. Dies beruht auf einer positiven Verbraucherstimmung und einer guten Konsumlaune. Ähnlich wie 2015 sorgen eine stabile Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt mit zunehmender Beschäftigung und steigenden Reallöhnen (+ 2,6 % im 1. Quartal / + 2,3 % im 2. Quartal 2016) für einen ausgeprägten Einkommensoptimismus und ungebrochene Konsumlust.
Das Konsumklima in Deutschland zeigt sich im Gegensatz zu Großbritannien trotz Brexit und Terroranschlägen widerstandsfähig. Laut Prognose der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) werden die privaten Konsumausgaben – als wichtige Säule der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland – 2016 um etwa zwei Prozent steigen. Dieses stabile Konsumklima spüren auch die Händler.
Der Industrieverband Garten e.V. (IVG) und der Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten e.V. (BHB) berichten nach dem ersten Halbjahr 2016 – trotz ungünstiger Saisonwetterbedingungen – von einem leichten Wachstum in der Branche, das bis Ende 2016 zumindest das Vorjahresniveau erreichen werde. Die Bundesregierung geht in ihrer Herbstprognose 2016 von einem stabilen Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent aus. Auch in Ländern wie Polen, Portugal und der Türkei ist die Konsumlaune gut, und der Trend einer steigenden Nachfrage nach Blumen und Pflanzen hält an.
Zusätzlich förderlich in Deutschland ist die Verbesserung der Rahmenbedingungen für den Gartenbau durch die Zukunftsstrategie im Gartenbau. Ende Oktober 2016 wurde im Bundestag einstimmig ein Antrag mit dem Titel „Gartenbau sowie Garten- und Landschaftsbau als innovativen Wirtschaftszweig stärken und zukunftsfest machen“ verabschiedet.
Muttertag – das Maß aller Dinge
Das Muttertagsgeschäft, einer der wichtigsten Verkaufstage für Blumen und Pflanzen, stimmte auch 2016 die meisten deutschen Großhändler zufrieden. Der Verband des Deutschen Blumen- Groß- und Importhandels e.V. (BGI) berichtet von stabilen Preisen bei tendenziell leicht erhöhten Absatzmengen. Auch die Veiling Rhein-Maas verzeichnete einen guten Absatz mit dem zweithöchsten Gesamtumsatz der letzten sechs Jahre. Marktkenner beobachten, dass vor allem hochwertige Produkte zu sehr guten Preisen gehandelt werden konnten. Dies unterstützt das Ziel des deutschen Gartenbaus nach einer höheren Wertschöpfung durch eine höhere Wertschätzung.
Preise gut – alles gut!
Auch außerhalb des Muttertagsgeschäfts sind qualitativ hochwertige Produkte gefragt. Das Phänomen höherer Preise wird jedoch nur vereinzelt von wenigen Händlern berichtet. Obwohl das Statistische Bundesamt seit 2010 jährlich steigende Verbraucherpreise für Gartenerzeugnisse feststellt (Index 2010 = 100 zu Index 2015 = 112,4), stagnieren die Preise auf Großhandelsebene laut Aussagen von BGI-Großhändlern. Auf Endverbraucherebene hingegen stieg der Preis laut AMI innerhalb der letzten sechs Jahre bei Topfpflanzen um 53 Cent je Einheit (Pflanze oder Tray). Anders sieht es bei den Niederländern aus.
Die in den Niederlanden festgestellten Exportzuwächse sind fast ausschließlich auf steigende Preise zurückzuführen. Die Durchschnittspreise der Royal FloraHolland stiegen 2016 Monat für Monat und erreichten ein noch nie dagewesenes Preisniveau. Bemerkenswert ist, dass sich das hohe Preisniveau auf alle Sortimente bei Blumen und Pflanzen bezieht. Anfang Oktober 2016 wurde mit 37,7 Cent der höchste Durchschnittspreis aller Zeiten an der Vermarktungsorganisation erzielt. Der Durchschnittspreis stieg damit um 5,6 Prozent, während der Anteil der Anlieferung Anfang Oktober um 1,5 Prozent zurückging.
Als Ursachen für die hohen Durchschnittspreise werden leicht veränderte Absatzwege in Richtung Einzelhandel vermutet, die zu mehr festen Preisabsprachen geführt hätten. Dieser Aufbau von „verlässlicheren Wertschöpfungsketten“ sei auch im deutschen Blumen- und Pflanzenhandel zu beobachten, würde laut Branchenkennern aber nicht konsequent genug umgesetzt, da Lieferanten und Großhändler in Deutschland kaum von den steigenden Verbraucherpreisen profitieren.
Auffälligkeiten 2016
Deutsche Großhändler stellen fest, dass der Facheinzelhandel Aspekte wie Qualität und regionale Produktion stärker in den Fokus seines Einkaufs bei Blumen und Pflanzen rückt. Diese Beobachtung wird auch in Frankreich gemacht, wo die Marke „Fleurs de France“ im Handel und Verkauf an Bedeutung gewinnt. In der Ursachenanalyse der Niederländer (Royal FloraHolland) im Sommer 2016 zum Pflanzenexportrückgang nach Deutschland im Jahr 2015 (- 3,8 % = 83 Mio. € im Vergleich zu 2014) wird neben einem zunehmenden Selbstversorgungsgrad in Deutschland vor allem der Trend zu regionalen Produkten für den Rückgang verantwortlich gemacht.
Wird es auch bei Zierpflanzen verstärkt den regionalen Trend wie im Obst- und Gemüsesektor geben? Aus der Konsumententypologie für den deutschen Zierpflanzenmarkt sind die Einstellungen zu Regional, Öko und Fair bekannt. Demnach nimmt bei den Verbrauchern in allen Altersklassen der Wunsch nach Regionalität zu, es wird jedoch weder ausschließlich regional noch deutsch eingekauft. Hierbei scheint das Wissen, dass insbesondere Schnittblumen aus Übersee kommen, den Ausschlag zu geben. Vielmehr wird die Kaufentscheidung durch eine Vielzahl von Einzelaspekten beeinflusst.
So wird eine nachhaltige Produktion (Öko / Fair) neben dem Regionalaspekt immer wichtiger. Interessant ist, dass der Wunsch nach einer Fair-Trade-Kennzeichnung die Verbraucher spaltet. Die Befürworter sind 60 Jahre und älter; weniger die Jungen. Vermutlich handelt es sich hier um die Gründergeneration der grünen Bewegung aus den 70er/80er Jahren, die ihre Einstellungen beibehalten haben. Hauptentscheidungsmerkmal ist und bleibt die Qualität (Produkt & Prozess). Insofern gilt festzuhalten, dass deutsche Verbraucher auch gerne zu Importware greifen, wenn sie sich durch die Qualität und die ausgelobten Werte (Respekt für Mensch und Umwelt) angesprochen fühlen. „Nachhaltigkeit“ und „Regionalität“ befördern somit den Verkauf, werden bei der Kaufentscheidung der deutschen Verbraucher aber immer im Zusammenhang mit der Qualität gesehen.
Neben dem Regionalaspekt stellten die Großhändler 2016 eine weitere Besonderheit fest. Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) würde sich professionalisieren und sein Sortiment erweitern. Demnach traut sich der LEH zunehmend an Blumen und Pflanzen heran, die bisher klassisch dem Facheinzelhandel vorbehalten waren und „wildert“ auf der Suche nach Marktanteilen im Sortiment des Facheinzelhandels: Eine Erkenntnis, die den Facheinzelhandel zum Handeln zwingt und genau beobachtet werden muss. Eine weitere Besonderheit oder Beobachtung im Großhandel ist, dass im stagnierenden Markt der Topfpflanzen Wachstum fast ausschließlich nur noch über Neuheiten, innovative Produkte und Konzepte erfolgt. Die in diesem Zusammenhang 2016 erstmalig durchgeführte Messe „hortivation“ der Messe Essen verfolgt damit den richtigen Ansatz zur Sensibilisierung der Branche für Innovationen.
Fazit
Die weltweiten Warenströme sind in Bewegung. In der EU besteht eine stabile Nachfrage, und außerhalb der EU gibt es Wachstumspotenzial. Auch in Deutschland zeigt sich der Blumen- und Pflanzenmarkt stabil und wird bei hoher Konsumlaune der Verbraucher auch 2017 für Nachfrage sorgen. Erfreulich sind die steigenden Preise auf Einzelhandelsebene, die allerdings nicht bei allen Akteuren in der Wertschöpfungskette ankommen. Brexit und Russland sind 2016 zwei beherrschende Themen, deren Effekte sich erst langfristig zeigen werden. Es ist nicht ratsam, sich darauf zu verlassen, dass sich alles zum Guten wenden wird.
Alle Länder tun gut daran, sich alternative Absatzwege und Zielmärkte aufzubauen, sei es durch Intensivierung bestehender Handelskontakte innerhalb oder außerhalb Europas. Durch diese Neuausrichtungen ist davon auszugehen, dass sich 2017 die Warenströme in Verbindung mit sich änderndem Konsumverhalten einiger EU-Länder verändern werden. Hierbei ist der zunehmende Direktbezug der großen Handelszentralen in den Produktionsländern sicherlich ein Treiber. Es wird sich zeigen, ob die EU ein kleines Referendum mit großer Wirkung oder ein großes Referendum mit kleiner Wirkung durchzogen hat. Es bleibt spannend – von Ost nach West!
