Fachzeitschrift für den Garten- und Landschaftsbau

Pflanzen im Topf sind schon lange Begleiter des Menschen und reichen bis in die Zeit der Ägypter und Griechen zurück. Wann man das erste Mal auf die Idee gekommen ist, Pflanzen in Gefäße zu setzen, ist nicht eindeutig gesichert. Vielleicht waren es die Nomaden, die Gewächse von einem Ort zum nächsten transportieren wollten, vielleicht waren es auch die Bewohner sehr trockener Gebiete, die so dafür sorgten, dass ihre Pflanzen überlebten.

Der Weg, den die Pflanzen vom Garten in den Topf und dann in unsere Wohnzimmer hinter sich gebracht haben, ist eine spannende Geschichte, den die Kunsthistorikerin Dr. Stephanie Hauschild erforscht hat.

"Die Topfpflanzen, die im Mittelalter ins Haus geholt wurden, waren zumeist einheimische Gewächse wie Iris, Lilien, Maiglöckchen, Veilchen oder Rosen", erläutert Dr. Hauschild auf dem Symposium Green Living and Work in Köln. "Nur für die Zeit ihrer Blüte wurden sie in die Räume gestellt. Ihr Duft sollte die Gerüche, die bei den damals schwierigen Wohnbedingungen herrschen, überdecken."

Liebhaberei für Männer

Bereits im 16. Jahrhundert bereicherten dann auch neue exotische Gewächse aus der Türkei und dem Mittleren Asien die Gärten von Pflanzenliebhabern. Da viele der neuen Gewächse nicht winterhart waren und in der kalten Jahreszeit einen besonderen Schutz benötigten, wurden sie vorwiegend in Töpfen gepflegt. Dr. Hauschild: "Das Sammeln von repräsentativen Gewächsen war damals vor allem eine Liebhaberei für Männer aus dem Adel und dem wohlhabenden Bürgertum. Da die Innenräume der Häuser zu dieser Zeit - bis auf ganz wenige Ausnahmen - für die dauerhafte Unterbringung von Pflanzen noch nicht geeignet waren, ließen sie spezielle Häuser - große prestigeträchtige Anlagen - für ihre Kostbarkeiten bauen."

Pflanzen auf der Fensterbank der Wohnung bleiben bis ins 18. Jahrhundert hinein die Ausnahme. "In dieser Zeit entstanden Orangerien als neuer Gebäudetyp. Alpenveilchen, Hyazinthen, Agaven, Kakteen, Pelargonien und vor allem Zitrusfrüchte wurden darin wintersicher untergebracht", so die Kunsthistorikerin.

Als Orangerie wird ein freistehendes, im Winter auf sechs bis acht Grad Celsius beheiztes Haus, mit großen, nach Süden ausgerichteten Fenstern und gemauerten Seitenwänden bezeichnet.

James Cook und Goethe

Der fortschreitende Kolonialismus in Afrika und die Forschungsreisen in den Pazifik - etwa die Expeditionen des Engländers James Cook - brachten im 18. Jahrhundert viele neue Pflanzen nach Europa. Da sich die Wohnbedingungen mittlerweile deutlich verbessert hatten - es gab mehr Platz und Licht durch größere verglaste Fenster, bessere Wasserversorgung und auch erste Heizungen - wurden im späten 18. Jahrhundert die ersten Exoten auch in den Wohnräumen der Europäer heimisch.
"Wir wissen, dass beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe auch ein begeisterter Botaniker war. Sein besonderer Liebling war die aus Südafrika stammende Grünlilie. Sie zog er zusammen mit Kakteen auf seiner Fensterbank", berichtet Dr. Hauschild.

Wardsche Kiste

Im 19. Jahrhundert entstand der Beruf des kommerziell tätigen Pflanzensammlers und -jägers. Diese Männer waren entweder auf eigene Rechnung unterwegs oder arbeiteten für reiche Sammler und Gärtnereien. Ihnen verdanken wir Amaryllis, Azaleen, Tränendes Herz, Weihnachtskaktus, Weihnachtsstern, tropische Orchideen und Kamelien.

Wurden die empfindlichen exotischen Gewächse im 18. Jahrhundert noch unter abenteuerlichen Bedingungen nach Europa gebracht, änderte sich dies in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung der so genannten Wardschen Kiste deutlich.

Dr. Hauschild: "Der englische Arzt Dr. Nathaniel Ward wollte ursprünglich eine Schmetterlingspuppe in einer mit Erde gefüllten und verschlossenen Glasflasche zum Schlüpfen bringen. Zu seiner Überraschung keimte in der abgeschlossenen Atmosphäre ein Farn und ein Grashalm. Ward konnte die Pflanzen lange Zeit am Leben erhalten, ohne den Deckel der Flasche öffnen zu müssen. Er erkannte, dass abgeschlossene Glasbehälter eine ideale Möglichkeit waren, empfindliche Pflanzen auf den monatelangen Seereisen zu transportieren".

Schon bald wurde die Wardsche Kiste aber auch als Einrichtungsgegenstand genutzt. "Bepflanzt mit Farnen, fleischfressenden Pflanzen oder Orchideen waren sie im 19. Jahrhundert ein opulenter Zimmerschmuck, der manchmal zusätzlich mit Springbrunnen oder Wasserbecken bereichert wurde." Für den Versand von Zier- und Nutzpflanzen blieben die Wardschen Kisten bis in die 1960-er Jahre hinein die Standardmethode.

Pflanze als Wohnaccessoire

Bis Ende der 1870-er Jahre wurden Topfpflanzen zum selbstverständlichen Teil der Wohnung und gehörten nun als Dekorationsobjekte zur zeitgemäßen Zimmereinrichtung einfach dazu. Wie andere Dekorationsgegenstände unterlagen jetzt auch die Zimmerpflanzen dem wechselnden Geschmacksrichtungen und Stilen. In manchen Phasen kamen sie auch mal aus der Mode oder wurden von anderen Wohnaccessoires verdrängt. Bis heute konnten sie sich aber immer wieder ihren angestammten Platz auf der Fensterbank zurückerobern.

 

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