Fachzeitschrift für den Garten- und Landschaftsbau

Tagung „Torfminderungskonzepte“ des BMEL – Praxis, Forschung und Politik im Dialog

Rund 100 Branchenvertreter trafen sich in Freising zur Torfminderungs-Tagung des BMEL. Knapp 100 weitere Teilnehmer waren online zugeschaltet. Bild: FNR/Gabriel

Pflanzversuche im Projekt „Vom Baum zum Torfersatz“, in dem der Einsatz von Holzfasern als Torfersatzstoff optimiert wird. Foto: FNR/Busse

Am 21. und 22. Juni fand die Tagung „Torfminderungskonzepte“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in Freising und online statt. Über 200 Fachleute aus Forschung, Wirtschaft und Politik diskutierten den aktuellen Stand, die Chancen und die Herausforderungen bei der Torfreduktion im Gartenbau. Ein Fokus lag auf dem Blick in die Nachbarländer Österreich und Schweiz, ein weiterer auf dem Thema Kompost als Torfersatz im kommunalen Kontext. Neben Vorträgen und Best-Practice-Beispielen sorgten Workshops, die Podiumsdiskussion und Exkursionen für einen regen und durchaus kontroversen Austausch.

Die Parlamentarische Staatssekretärin im BMEL, Dr. Ophelia Nick, unterstrich in ihrem Grußwort, dass das BMEL die Torfminderung als gemeinsamen und freiwilligen Prozess sieht und die Betriebe bei der Umstellung bestmöglich unterstützen will. Nick erinnerte aber auch daran: „Torfminderung ist keine abstrakte Prozentzahl, sie ist aktiver Klimaschutz und ein von der Gesellschaft mitgetragenes Ziel.“

Deutlich wurde, dass der Blick über Landesgrenzen wertvolle Ansätze bereithält, mittelfristig jedoch gesamtheitliche europäische Strategien gefragt sind.

Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) richtete die Tagung im Auftrag des BMEL aus. Die Vorträge der Veranstaltung stehen online zur Verfügung (siehe Link).

Bei der Produktion vieler Kulturen ist eine Reduzierung des Torfanteils auf 50 Prozent schon heute machbar, schätzten die meisten Verbandsvertreter auf der Tagung ein. Wichtig sei jedoch eine individuelle Betrachtung der einzelnen Kulturarten, eventuell könne man sich zunächst auf die „Top 10“ der jeweiligen Sparten konzentrieren. Der nahezu vollständige Verzicht auf Torf in Hobbyerden, der entsprechend der Torfminderungsstrategie des BMEL schon 2026 erreicht sein soll, sei zwar eine Herausforderung, die jedoch umsetzbar erscheine.

Im Erwerbsgartenbau sieht das Klimaschutzprogramm 2030 bis zum Ende des Jahrzehnts einen „weitgehenden Ersatz“ von Torf vor. Vorsichtig äußerte sich dazu der Industrieverband Garten e. V. (IVG), der 2030 in Profi-Substraten in Summe aktuell nur 30 Prozent Torfersatzstoffe für realistisch hält und sich zur Erreichung dieses Ziels verpflichtet hat. „Die Verfügbarkeit der Ersatzstoffe in ausreichender Qualität ist das größte Problem“, begründete Philip Testroet vom IVG.

Gabriele Harring vom Zentralverband Gartenbau e. V. (ZVG) und Renke zur Mühlen vom Bund deutscher Baumschulen (BdB) könnten sich hingegen vorstellen, bei entsprechenden positiven Versuchsergebnissen 2030 den Torfanteil über die 50 Prozent hinaus weiter zu reduzieren. Zur Mühlen erinnerte jedoch daran, dass in seiner Sparte vor allem Familienbetriebe aktiv seien, die auf das Funktionieren der Substrate angewiesen seien. Zudem sind die Baumschulen den klimatischen Verhältnissen ganzjährig im Freiland ausgesetzt, was bei der Anpassung der Kulturführung zu berücksichtigen sei.

Dr. Thomas Schmidt, Referatsleiter Gartenbau, Landschaftsbau im BMEL, erkannte an, dass die Industrie das Thema Torfminderung engagiert angehe. Dazu trägt auch die intensive Unterstützung der Forschungslandschaft durch das Ministerium bei. Unter anderem fördert das BMEL das Vorhaben MITODE des Thünen-Instituts und des Julius-Kühn-Instituts (JKI), das Olivier Hirschler und Anja Kretzschmann vom Thünen-Institut bei der Tagung vorstellten. Ein weiterer vom BMEL unterstützter Verbund ist TopGa, der vom JKI koordiniert wird. In beiden Projekten werden wissenschaftliche Grundlagen für den Umstieg auf torfreduzierte und torffreie Substrate für den Produktionsgartenbau erarbeitet. Auch das Projekt HOT der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU), der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) und des GreenSurvey - Instituts für Marktforschung mit dem Schwerpunkt Kommunikation für die Zielgruppe Hobbygärtner fördert das BMEL. Auf kommunikativer Ebene setzt auch die FNR unter dem Motto „Weniger Torf, Moor Schutz!“ vielseitige Maßnahmen um, u. a. Anzeigen, Großplakatierungen und einen Schulwettbewerb.

Von großer Bedeutung sei auch die vom BMEL beauftragte Entwicklung eines Systems zur Nachhaltigkeitszertifizierung von Torfersatzstoffen. Dr. Norbert Schmitz von der umsetzenden Meo Carbon Solutions GmbH berichtete dazu, dass die Pilotzertifizierung verschiedener Herkünfte und Lieferketten von Torfersatzstoffen im August 2022 startet.

Als wichtigen Schlüssel sehen die Tagungsteilnehmer eine intensive Beratung und Einbeziehung der Gartenbaubetriebe an. Die Schweiz macht es vor, dort wird eine betriebsindividuelle Umstellungsberatung teils kostenlos angeboten. Auch die Ausbildung gilt als wesentlicher Ansatzpunkt: Angehende Gärtner und Gärtnerinnen sollten das Thema Torfausstieg frühzeitig auf dem Lehrplan stehen haben. Angemahnt wurden Änderungen von Rahmenbedingungen, die Torfersatzstoffe behindern, wie die Europäische Düngeprodukt-Verordnung oder die rechtliche Einstufung von Kompost als Abfallprodukt.

Der Blick über die Landesgrenzen zeigt: Die Schweiz ist uns in vielerlei Hinsicht voraus beim Thema Gärtnern ohne Torf. Dr. Josef Känzig vom Schweizer Bundesamt für Umwelt erklärte in seinem Vortrag: „Wir sprechen nicht von Torfminderung, sondern von Torfausstieg“. Auch in der Schweiz basiert der Ausstieg in der aktuellen Phase auf eigenverantwortlichen, freiwilligen Maßnahmen, flankiert durch Forschungsförderung, Austausch und Beratung. Die Umsetzung ist bei den Hobbyerden schon am weitesten fortgeschritten, hier liegt der Torfanteil in der Regel schon seit 2020 unter 5 Prozent.

Im Fazit machte die Tagung deutlich, dass Erdenindustrie, Gartenbau, Handel, Forschung, Politik und viele andere Partner die Reduzierung des Einsatzes von Torf engagiert und vielfach gemeinsam angegangen sind, wirtschaftlich tragfähige Lösungen suchen und bereit sind, ihren Beitrag zur Minderung von Treibhausgas-Emissionen zu leisten. Mittelfristig wird es jedoch wichtig sein, auch auf europäischer Ebene einheitliche Ziele und Strategien zu ihrer Erreichung zu entwickeln und umzusetzen.

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