Fachzeitschrift für den Garten- und Landschaftsbau

Vorsicht, Ansteckungsgefahr?! Normalerweise sollte man ja um Menschen mit einer Virusinfektion einen großen Bogen machen, um sich nicht anzustecken. Doch auf die 21 Botschafter der Bayerischen Streuobstwiesen, die am vergangenen Samstag, den 23. November 2019, nach ihrer erfolgreichen Weiterbildung zum Gästeführer Streuobst ihre Abschlusszertifikate erhielten, trifft dies nicht zu.

Ganz besondere Fürsprecher für die Bayerischen Streuobstwiesen: Die ersten Absolventen der Qualifizierung „Gästeführer Streuobst" entführen künftig große wie kleine Entdecker in Bayerns spannende Kulturlandschaft. (LWG © Veitshöchheim)

Nein, ganz das Gegenteil ist der Fall: „Ich wünsche Ihnen, dass sich bei den Führungen durch die bayerischen Streuobstwiesen möglichst viele Teilnehmer anstecken lassen und selbst vom Streuobstfieber erfasst werden!", so Gerd Sander, Institutsleiter Erwerbs- und Freizeitgartenbau an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) bei der Zertifikatsübergabe an die Streuobst-Erlebnisführer.

Kurze Inkubationszeit mit Ansteckungsgefahr

Insgesamt 24 Teilnehmer besuchten den ersten Aufbaukurs „Streuobst-Erlebnisführer" vom 28. Juni bis 23. November und erweiterten damit ihr bereits vorhandenes Potpourri aus den bereits abgeschlossenen Gästeführerzertifizierungen „Gartenerlebnis Bayern" oder „Weinerlebnis Franken". In knapp 50 Stunden an sechs Seminartagen wurde ein umfangreiches wie vielfältiges Wissen rund um den Streuobstanbau vermittelt – und damit das Streuobstfieber bei den Teilnehmern geweckt.

„Sie sind die Pioniere und mit ihrem Abschluss nun die ersten Botschafter für Bayerns Streuobstwiesen. Nutzen Sie nun das erworbene Wissen und vor allem Ihre Leidenschaft, und lassen Sie auch andere Interessierte – groß wie klein – an unserer einzigartigen Kulturlandschaft teilhaben", bekräftigten die beiden Lehrgangsleiter Hubert Siegler (Bayerische Gartenakademie) und Martin Degenbeck (Institut für Stadtgrün und Landschaftsbau), die Absolventen.

So seien besonders die Erlebnisführungen auf den Streuobstwiesen die ideale Gelegenheit, vor allem die jüngere Generation an Garten, Natur, Landschaft aber auch die damit verbundenen Arbeiten und Herausforderungen heranzuführen, um ein Grundverständnis für den Wunsch von Natur und Umweltschutz in Einklang mit einer nachhaltigen Bewirtschaftung zu bringen.

Die vergessene Kulturlandschaft

Vor rund 2.000 Jahren brachten die Römer den Obstbau auch nach Bayern und die einstigen Obstgärten um die römischen Landhäuser (villa) wurden die Wegbereiter der heutigen Streuobstwiesen – einer von Menschenhand geschaffenen Kulturlandschaft, die ganze Generationen prägte. Auch Wolfram Vaitl, Präsident des Bayerischen Landesverbandes für Gartenbau und Landespflege e. V., entsann sich bei seiner Begrüßung auf seinen ersten Kontaktpunkt mit dem Streuobstanbau zurück, den er mit elf Jahren bei einem Klassenausflug hatte: „Am Anfang war es der Hunger, der uns zum Naschen an die Apfelbäume trieb; der Lehrer war es aber schließlich, der die Geschichte der Bäume lebendig werden ließ".

Auch die beiden Grußwortüberbringer für die jeweiligen Gästeführervereine Claudia Schönmüller (Weinerlebnis Franken) und Christine Stedele (Gartenerlebnis Bayern), sowie Dr. Otto Hünnerkopf (Bezirksvorsitzender des Gartenbauverbandes und MdL a. D.) warfen einen Blick zurück, ohne jedoch die Zukunft aus den Augen zu lassen: „So muss es unser aller Anliegen sein, die Bevölkerung wieder von der scheinbar vergessenen Kulturlandschaft der Streuobstwiesen neu zu begeistern, die neben einem unersetzlichen Lebensraum für unsere Insekten auch mit ihrem Sortenreichtum ein regionaler Genussbewahrer sind."

Streuobst als (authentische) Marke

Dieter Popp, FUTOUR-Regionalberatung, rief in seinem Impulsvortrag dazu auf, die oftmals noch schlummernde Werte der Streuobstwiesen viel stärker zu erkennen und im zweiten Schritt das vorhanden Potenzial zu nutzen: „Viele Urlauber schwärmen bei ihrer Rückkehr über die unvergesslichen Erlebnisse in den spanischen Olivenhainen – bei der Ernte mit anzupacken, den Erzeuger kennenzulernen und die Produkte vor Ort zu verkosten. Sie vergessen dabei aber, dass wir mit den Streuobstwiesen diese Werte direkt vor unserer Haustüre bereits haben." Doch dazu muss Streuobst zu einem authentischen Tourismusmagnet werden, über das auch von den Erzeugern und Vermarktern gesprochen wird. Denn mit Streuobst lassen sich Emotionen wecken, die Einzigartigkeit wie auch die Vielfalt darstellen und individuelle, wertige Produkte erzeugen. Besonders die Gastronomie kann dabei profitieren, wenn sie die regionalen Spezialitäten verstärkt anbietet und mit den traditionellen Speisen auch kombiniert.

Und so geht es weiter

Aufgrund der hohen Nachfrage startet eine weitere Qualifizierung (fünf Kurstage) von Oktober 2020 bis Frühjahr 2021. Dieser Lehrgang richtet sich speziell an ausgebildete Streuobstfachleute und qualifizierte Obstbaumwarte. Aufbauend auf bereits erworbenen Fähigkeiten und praktischen Fertigkeiten werden diese fachlich versierten Streuobstkenner in spezifischen Themen wie Kommunikation, Didaktik, Rechtsfragen und Marketing geschult, um ihr Wissen optimal an die Besuchergruppen weiterzugeben. Für die diesjährigen Absolventen ist zudem eine Fortbildung im zweiten Halbjahr 2020 in einer Streuobstregion Bayerns vorgesehen, um u. a. erste Erfahrungen praxisnah auszutauschen.

 

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